Samstag, 26. April 2008

Parfum vs Wein

"Chandler Burr ist der beste Parfümkritiker der Welt." heißt es im Artikel "Vom Riechen" der Zeitschrift Die Welt.

Auszug aus dem Artikel gefällig?
Wodurch unterscheidet ein Weinexperte sich von einem professionellen Parfümkritiker? "Das sind zwei fundamental unterschiedliche Dinge!" Chandler Burr befindet sich am Rand der Empörung darüber, dass diese beiden Dinge überhaupt in einem Atemzug genannt werden. "Wein ist Natur, Parfüm ist Kunst. Wein ist der Name für das, was passiert, wenn man Trauben ausquetscht und den Saft sich selbst überlässt. Parfüm dagegen wird von A bis Z kreiert. Die Moleküle in einem Wein sind geradezu lächerlich kompliziert. Die Moleküle, aus denen ein Parfüm sich zusammensetzt, sind einfach, klar, präzise."

Nur gut daß Chendler Burr beim Parfum geblieben ist und nicht über Wein schreibt, denn sonst müßte auch er einsehen, daß Wein ein Kulturgut ist und als solches des Menschen Hand und Hirn inkludiert. Ergo könnte nun impliziert werden, daß Wein somit viel näher der Kunst anzusiedlen ist, als es sich Mr. Burr vielleicht eingzugestehen vermag. Von Wegen den Saft sich selber überlassen! Ha! Penibelstes Arbeiten im Weingarten und Keller - so schaut's aus. Auch wenn Wein natürlich nicht im eigentlichen Sinne kreiert wird, so gibt es doch bei der Assemblage einer Cuvée zB. Schritte, welche genau in diese Richtung abzielen.

Im übrigen klingt das ja bei Mr. Burr fast so, als hätte man es bei Wein mit einem Produkt minderer Machart zu tun. Könnte es vielleicht sein, daß die vielen Parfumwoklen Hr.Chendlers Nase für die Weinaromen etwas beeinträchtigt haben?

Weiter geht's im Text:
"80 Prozent dessen, was sich in einer durchschnittlichen Parfümflasche verbirgt, wird chemisch im Labor hergestellt, nur etwa 20 Prozent der Inhaltsstoffe sind natürlich. Bald werden Parfüms bis zum letzten Tropfen künstlich hergestellt sein. Chandler Burr findet das nicht nur nicht schlimm, er begrüßt diese Entwicklung sogar. "Die Vorstellung, dass nur das Natürliche gut sein soll, ist eine religiöse Idee, und ich mag Religionen nicht", sagt er. Die Sinnesorgane hätten keine Möglichkeit, ein im Labor erzeugtes Molekül von seinem in der freien Natur herumschwebenden Pendant zu unterscheiden. Hinzu kommt: Es sei ökologisch sehr viel verträglicher, Geruchsstoffe im Reagenzglas zu mixen, statt mit der Axt in den Sandelholzwäldern von Indien herumzuwüten."

Eine IMHO sehr vereinfachte Darstellung einer ziemlich komplexen Materie. Nicht nur, daß die Natur immer noch die Referenz für Aromen jeglicher Art darstellt - auch für Parfumeure - ist es mit naturidenten Stoffen eine höchst zwiespältige Sache. Und für Wein ist das zwar vorstellbar (auch dank der Spinning Cone Column), aber strafbar unter der Bezeichnung Weinpanscherei.

Die Künstlichkeit ist oftmals eben nur eine zweitklassige Kopie des natürlichen Originals. Punkt.

Kommentare:

Iris hat gesagt…

und Aromahefen, naturidentische Tannine, Chaptalisation, Nachsäurung, Holzspäne, Gummi Arabikum und Co.?

Alles erlaubt, dagegen ist die Spinning Cone fast harmlos:-)

vinissimus hat gesagt…

Ja genau, obwohl die meisten deiner angeführten Stoffe doch noch zu 100% aus Natur bestehen (Hefen, Zucker, Säure) wohingegen bei der Schleuderkegelkolonne man doch gezielt ein paar Dinge mit anderen (nicht natürlichen) ersetzen könnte.