Sonntag, 30. August 2009

Flüssiger Gaumenschmaus - Kategorie Lieblingsweine

Ein unlängst erschienener Artikel von Michael Liebert zum Thema "Wein & Emotion" inspirierte mich dazu, jene zwei Weine der letzten Wochen vorzustellen, die mir nicht nur überaus viel Trinkgenuß bereitet haben, sondern mich emotional in Höchststimmung versetzt haben.

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Gérard Gauby vorzustellen erübrigt sich. Einen kurzen Abriß über die Domaine gibt's zB. bei Pinard. Gauby-Weine sind nicht billig, können sie auch gar nicht, denn schließlich war er - und ist es immer noch - einer der großen Motoren hinter der Biodynamik im Süden Frankreichs.

Bilder aus dem Video "Meet Gérard Gauby" von viddler.com

Sein Calcinaires Blanc hat schön öfters genußvolle Bekanntschaft mit meiner Zunge gemacht, die rote Variante ist aber Neuland für meinen Gaumen. Und es war Liebe auf den ersten, (aufgrund der sommerlichen Temperaturen leicht gekühlten) Schluck. An diesem lauen Abend saß ich wohl etwas länger - in trauter Zweisamkeit mit dieser Flasche. Und nur weil ich meine Begeisterung für diesen Wein auch meiner lieben Renate am nächsten Tag in Form eines Glases näherbringen wollte habe ich mich davon abgehalten, die Bouteille komplett zu leeren ;-).

Domaine Gauby, Les Calcinaires Rouge 2007, Côtes du Roussillon Villages, Frankreich, eine Cuvée zur Hälfte aus Syrah, einem Viertel Mourvèdre und dem Rest aus Grenache und Carignan, kultiviert auf kalkreichen Sedimentgestein und Schieferboden, schön leuchtendes Purpurrot, anfangs werden die Geruchsrezeptoren gleich einmal mit herrlich würzig intensiven Aromen eingefangen, aber auch ein wenig rohes Fleisch, expressive Mineralik, der Wein gleitet in einer unnachahmlichen Art und Weise so raffiniert seidig über die Zunge, mit frischem und kühlen Mundspiel, dabei zeigt der Wein eine bemerkenswerte Konzentration, die wohl ua. die spontane Vergärung mit teilweise nicht entrappten Stielen und Stengeln zurückzuführen ist, feine Fruchtaromatik gepaart mit Frische und Noblesse, im Abgang ist wiederum eine tolle Würzigkeit anzutreffen. In gewisser Weise ist dieser Wein intellektuell und avantgardistisch, aber wohl nur deswegen, weil diese umwerfende Stilistik einfach viel zu selten anzutreffen ist, Höchstwertung, ***/***

Solch einen fokussierten Weine in einer derart südlich gelegenen Region zu erzeugen ist bewundernswert. Und ganz nebenbei auch noch klares und kompromißloses Statement für deren Machbarkeit im Kontext dieser Bedingungen, auch wenn der Boden, das Mikrolima, sehr alte Rebstöcke und die biodynamische Bewirtschaftung ihres dazu beitragen.
Unglaublich was Monsieur Gauby hier um €14 ins Glas zaubert - das läßt vielfach so teure Weine richtiggehend antiquiert aussehen. Kategorie persönlicher Lieblingswein.

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Mein erster Jahrgang des zweiten Weines, den ich damals aus Neugierde von einer heimischen Weinhandelskette aus den Regalen mitgenommen habe, welche hierzulande auch die Weine importiert, war der 2002er Jahrgang.
Der Wein der Waterford Estate - einem Gemeinschaftsprojekt der zwei Familien Ord und Arnold - wurde damals in der leider eingestellten Kolumne "Für sie verkostete neue Weine" im falstaff-Magazin 4/ 2003 mit lobenden Worten und dem Zusatz "gute Alternative zum burgundischen Vorbild" bedacht - zu recht, wie sich nun bei der Verkostung meiner leider letzten Flasche heraustellte.

Waterford Estate, Chardonnay 2004, Stellenbosch, Südafrika, Goldgelb, ein prachtvoll komplexe Nase voller fein verwobener Aromen, Biskuitt, Honigtöne, Karamel, dann die volle Ladung Myrrhe, balsamisch, das Holz perfekt eingebunden, aber auch ein wenig Zitrusfrucht, exotische Noten, zart vanillig am Gaumen, fein schlanke Struktur, balancierte Säure bei mittellangem Abgang, die Balsamik dominiert den Nachgeschmack, so wundervoll kann barriquegeschulter Chardonnay sein, hat Modellcharakter, ein Meisterwerk jetzt am Höhepunkt seines Trinkgenusses, ganz klar die vollen Punkte, ***/***

Eine Hoch für den barriquegeschulten Chardonnay! Bei einem solch traumhaften Exemplar wie diesem kann kein Weinliebhaber mit "ABC - Anything but Chardonnay" punkten. Nicht bei mir!

Übrigens kann ich berichten, daß ich die Nachfolgejahrgänge allesamt in guter Erinnerung habe. Ob sie nach 5 Jahren dem '04er allerdings qualitativ ebenbürtig sind? Die Zeit wird's zeigen.

Bildquellennachweis: Waterford Estate, Domain Gauby

Montag, 24. August 2009

Weinrallye #26 - Tipps vom Weinhändler

Gastgeber der 26. Ausgabe der Rallye ist zum zweiten Mal der sympathische Go-to-Rio-Weblog und das vorgegebene Thema ist: Wein vom Lieblingsweinhändler.
Die Anleitung zur Vorgehensweise wird auch gleich frei-Haus geliefert:
"Bitte gehen Sie zum Weinhändler Ihres Vertrauens, legen ihm einen 10-Euro-Schein auf den Tisch und bitten um das nach seiner Meinung Beste, was er zu bieten hat, egal ob rot, weiß, rosé, prickelnd oder still". Das finde ich nett. Ebenso "Wir freuen uns auf Blog-Einträge, die nicht nur Flaschen enthalten, sondern auch Menschen". Recht so!

Nun bin ich keine Person, die einen sehr intensiven Kontakt zu Weinhändlern pflegt. Zum einen kaufe vieles direkt bei den Produzenten, was den Vorteil von Informationen aus erster Hand bietet und meistens einfach ein authentischeres Einkaufserlebnis bzgl. Wein bietet. Zum anderen weiß ich meistens ziemlich genau, welche Weine ich (warum) erstehen möchte. Der Kauf reduziert sich damit eigentlich auf die Recherche von Händlern, die diesen Wein führen, unter Berücksichtigung der Entscheidungsfaktoren Lieferservice und Preis.

Wie immer gibt es natürlich Ausnahmen von der Regel. Ausnahmen im Sinne, daß der Händler eigentlich seine wahre Profession voll ausspielen kann, nämlich sein Sortiment und die dazugehörige Beratung.
Der Preis taugt dabei nur sehr eingeschränkt als Differenzierungsmerkmal, zumindestens in jenem Segment von Weinen, die meine Aufmersamkeit haben. Und ein Quentchen Psychologie kann auch nicht schaden, soll doch die Beraterin zu allererst einmal den Kenntnisstand und die geschmacklichen Vorlieben der Kundinnen ausloten, bevor Empfehlungen ausgesprochen werden können. Die Weinvorlieben des Händlers dienen nur dann als Empfehlungsgrundlage, wenn sein Sortiment einem klar nachvollziehbarem Programm folgen und für den Kunden transparent ist - und dies ist wohl bei den wenigsten Geschäften der Fall. Meistens dominiert das eiserne wirtschaftliche Gesetz: verkauft wird "was gut geht" und "Rang und Namen" besitzt. Alle andere sind Spezialisten für eine Handvoll Weinverrückter wie unsereiner und besetzen einen Nischenplatz.

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Im Urlaub bieten Gebietsvinotheken einen feinen, zentralen Startpunkt zur Erforschung der regionalen Weintypizität. Wir wurden bisher immer freundlich und gut beraten und einige der uns empfohlenen Weine sind uns nachhaltig in Erinnerung geblieben.

Auch der Getränke-Supermarkt von Hr. Hofer in Sterzing / Südtirol ist wohl bei allen italophilen Urlaubern und Weinfreunden seit Jahren ein verlässlicher Einkaufstop, bietet dieser doch eine umfassendes Sortiment an flüssigen Köstlichkeiten zu Top-Preisen. Auf die Empfehlungen des Chefs ist immer Verlaß, beim Grappa ebenso wie bei den Weinen aus ganz Italien. Von ihm stammt auch nachfolgende Weinempfehlung aus wohl *der* autochthonen südtiroler Rebsorte.

Kellerei Terlan, Lagrein Riserva Porphyr 2003, Südtirol, noch sehr jugendliches Violett samt tiefdunklem Kern, süßer Fruchtbogen, eigenwillige Nase, Heidelbeeren, Veilchen und auch zart würzige Komponenten, Milchschokolade, zeigt eine sehr runde Aromatik, auch ein wenig florale Komponenten, straff am Gaumen, dann wieder kurz genau das Gegenteil, nämlich weiche Sauerkirschtextur zeigend, nur kurz sind die reifen Tannine präsent, dann übernimmt die Säure das Kommando, mittelgewichtig im Mundgefühl, durchaus mineralischer, aber auch spröder Abgang, ein eigenwilliger Wein, der so gar nicht in mein (vorgefasstes) Bild dieser Rebsorte passt, läßt mich zwiespältigem Eindruck zurück. Aufgrund seiner jugendlichen Phase glaube ich aber noch nicht an das endgültige Gefüge dieses Weins und sehe mich darin auch bei einem Blick auf die Homepage dieses Weins bestätig , bei der die Lagerfähigkeit mit 10-15 Jahren angegeben wird.
Wir sehen uns also in 5 Jahren wieder, denn eine Flasche habe ich ja noch im Keller liegen, Zwischenwertung, *(*)-**/***

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Martin Kössler von der Weinhalle in Nürnberg vorzustellen hieße wohl Eulen nach Athen zu tragen. Kein anderer Weinhändler wagt (derzeit) ein derartig scharfes Profil zu zeigen bzw. hat ein dermassen konsequent ausgerichtetes Programm und Sortiment. Er schreibt mit spitzer Feder pointierte und manchmal unliebsame Artikel. Das polarisiert - klar.
Seine Ausrichtung auf die Langsamkeit im Wein, auf handwerklich sorgsam hergestellte Produkte behagt mir. Auch wenn ich schon den einen oder anderen Wein aus dem Programm als schwierig empfunden habe, die Weinbeschreibung nicht immer nachvollziehbar war und das Preisleistungsverhältnis bei diesen Weinen nicht als günstig anzusehen war. Doch immer waren es eigenständige Weine mit Charakter, mit Ecken und Kanten, abseits der Uniformität, anhand derer man seinen eigenen Gaumen und Vorlieben jeden Tag auf's Neue ausreizen kann. Das ist toll, macht Spaß, hat einen Lerneffekt, ist einzigartig und mit seinen Weinerfahrungspaketen des K&U-Weinvereins im Abo braucht man nicht einmal einen Fuß vor die Türe zu setzen!
Der Weinhalle habe ich genußvolle Stunden zu verdanken, er ist der Weinhändler meines Vetrauens und entspricht voll und ganz meiner Erwartungshaltung an diesen Berufsstand. Und alles "frei haus"!
Dafür möchte ich dem gesamten Weinhalle-Team hier einmal den gebührenden Dank aussprechen! Nur weiter so.

Als Vertreter der Weinhalle - und des schönes Wetters - habe ich folgenden Wein gewählt:

A.Christmann, Riesling QbA 2007 trocken, Pfalz, schönes Strohgelb, schon in der Nase sehr fokussiert, straff, feine, sehr nuancierte exotische Aromen, Ananans, viel Fruchtsüsse erriechbar, stoffige Hülle, aber auch eine knisternde Pikanz der Säurestruktur, mineralisch, vibrierend, prachtvolles Gaumenspiel, engmaschig, straff, völlig pointiert, nervige Säure, balanciert, ein Traum für die Sommerterasse, blitzsauber und glasklar, das hat Modellcharakter für einen Gutsriesling, ein Referenzwein mit 12% Vol. wie ich ihn in dieser - analog zur österreichischen "Federspiel"-Klasse - noch nie im Glas hatte, Respekt, **(*)/***

Das nenn' ich eine Empfehlung!

Bildquellennachweis: Hofer Market (1x), Kellerei Terlan (1x), K&U Weinhalle (2x)

Samstag, 22. August 2009

Weinrätselbilder #4

Das letzte Rätselbild war ja leicht zu erkennen. Wie sofort richtig in den Kommentaren vermerkt wurde handelt es sich hierbei um Anrollkapseln - hier die Aluminium bzw. Zinnvarianten.
Die Metallkapseln lassen sich übrigens in fast allen allen Fällen per Hand leicht vom Flaschenhals runterdrehen - es ist also kein umständliches Aufschneiden notwendig. Nicht mit dem gezackten Kapselschneider des Kellnerkorkenziehers, der ohnehin nur reißt, noch mit dem Rollschneider von zB. Screwpull, dessen Rollschneiden ohnehin nach der 10.Flasche so stumpf sind, daß nur mit brachialer Kraftanstrengung und 10 Runden die Kapsel zu entfernen ist. Ein weiterer Punkt - aus der Servierkunde, welcher so ein Roller nicht erfüllt - ist, daß die Kapsel aus Hygienegründen immer *unterhalb* des Flaschenrings anzuschneiden ist.

Als Ausnahme lasse ich einmal jenen Kapselkünstler des Lokals La Bottega del 30 in Beradenga, Toskana gelten, der in weniger als 1 Minute die Flasche präsentiert, erklärt, geöffnet, zum Kunstwerk erhoben und den Wein auch noch zum Verkosten eingeschenkt hat. Weltmeisterlich. auch noch nach 10 Jahren!

Der Vollständigkeit halber sei auch noch die wahre Identität meiner Anrollkapseln gelüftet. Nach Ländern ergibt sich - 1 x A, 2 x D, 1 x H, 3 x F, 2 x I und 2 x E.

Weiter geht's mit dem Rätsel Nummer 4..

Dienstag, 18. August 2009

Tre Biccheri vom Trie

Regina & Günter Triebaumer aus Rust am Neusiedlersee haben' s in den letzten Jahren geschafft durch ihre grundsoliden Weinqualitäten und ihr pfiffiges Marketing einen Platz in den Köpfen der Konsumenten zu erobern.

Das Triebaumer'sche Logo, welches die Weinetiketten ziert, finde ich in seiner streng geometrischen Formsprache sehr ansprechend und leuchtet dem Weinkonsumenten schon von weiten aus dem Regal entgegen. Auch die Homepage der beiden ist aufgeräumt und übersichtlich - designed for info- and usability nennt sich das heutzutage im "Neusprech" :-)

Eine österreichische Weinhandelskette hatte vor kurzem die Weine in Aktion, was mich zum Triebaumer-Trio bestehend aus Muskateller, Furmint und Sauvignon Blanc greifen ließ.

Nur wenige Winzer haben einen trockenen Furmint im Programm, die meisten der Weinbauern der Region - falls überhaupt - einen Süßwein in Form eines Ausbruchs aus dieser alten ungarischen Rebsorte mit einer legendären Lagerfähigkeit. Im übrigen ein hervorragender Begleiter zu Paprikahenderl, scharfem Letscho, pikanten Fleischlaibchen (mit viel Zwiebel & Knoblauch), aber auch zB. zu Cous Cous.
  • Regina & Günter Triebaumer, Furmint 2008, Rust, Neusiedlersee-Hügelland, helles Strohgelb, sehr reduktive Stilistik, Wiesenblumen, Zitrusnoten, erfrischend auch am Gaumen, blitzsauber, nervige Säurestruktur, das im Abgang deutliche Bitterl wirkt erfrischend, Sanddorn; weist mit 12% Vol. eine erfreulich leichte Sommertrinkstärke auf, der Rebsortecharakter mit ihrer leicht spröd-herben Art gut umgesetzt, IMHO die bessere, weil geschmacklich prononciertere, Alternative zu der großen Masse an geschmacksneutralen Weinen, *(*)-**/***
  • Regina & Günter Triebaumer, Gelber Muskateller 2008, Rust, Neusiedlersee-Hügelland, siehe Muskateller-Beitrag
  • Regina & Günter Triebaumer, Sauvignon Blanc 2008, Rust, Neusiedlersee-Hügelland, strohgelb mit leicht grünen Reflexen, feine Aromatik mit Stachelbeere und grünen Noten, Paprika, fette Schlieren im Glas, zeigt eine gute Balance am Gaumen, feiner Extrakt und frische Säure, (rot)paprizierendes Mundgefühl, zieht in einem durch, feiner Sortenvertreter mit ansprechender Stilistik, hat Potential, **/***
Anklang findet auch noch der Muscato, ein restsüßer Schaumwein aus der aromatischen Muskateller-Traube, im Stile eines Moscato d'Asti mit bekömmlichen 7% Vol., der gerade nach einem üppigen Mahl oder anstrengender (Wein)Verkostung den Gaumen wieder zu beleben weiß!

Scheint so, als würden die beiden derzeit alles richtig machen. Daher bin ich schon auf die roten Blaufränkisch ('06 und '06 Reserve) gespannt, der 2007er Vertreter hat im aktuellen vinaria-Tasting der Rotweine bis €12 hervorragend reüssiert.

Samstag, 1. August 2009

100er-Punktevergabe

Über den Sinn und Unsinn der Weinbeurteilung nach der amerikanischen(sic!) 100-Punkte-Klassifikation sind wohl schon etliche Zeilen verfaßt worden. Wie divergierend darin die Beurteilung oftmals sind, ist mir vor kurzem wieder einmal anhand zweier (mir bekannter) Weine aufgefallen.

Zweigelt Classique 2007 vom Weingut Pöckl, Neusiedlersee
  • Niko Rechenberg (86-88)
  • Peter Moser 91 (falstaff, 2. Grand-Prix-Sieger Zweigelt Grand Prix)
Toni Hartl, Blaufränkisch Leithaberg 2006, Neusiedlersee/Hügelland (einer IMHO besten Weine, die unser Land zu bieten hat)
  • 89 von 100 falstaff Punkten (Peter Moser)
  • 3 von 5 Vinaria Sternen (??)
  • 97 von 100 A la Carte Punkten (Dr. Michael Pronay)
Wie gravierend ist nun das Überschreiten der "magischen", weil werbewirksamen, 90-Punkte-Grenze im ersten Beispiel? Oder ist es nur eine Frage der persönlichen Vorliebe für eine bestimmte Stilistik? Hatte einer von beiden Verkoster einen schlechten Tag? Oder nur der Wein? Oder liegen beide Bewertungen ohnehin innerhalb der "Beurteilungsunschärfe"? Wie hoch die wohl ist? Und wie definiert sich der Unterschied zwischen 89 und 91 Punkten?
Beim zweiten Beispiel, da wird's schon ein wenig heftiger! Von Unschärfe kann bei einer 8-Punkte-Differenz keine Rede mehr sein! Ich nehme an, es liegt schlichtweg am Gefallen bzw. Mißfallen einer bestimmten Weinausprägung.
Und was bringt das für den Endverbraucher? Wo bleibt da bitteschön der Nutzen und vor allem die Nachvollziehbarkeit für die Konsumenten?

Addendum:
Natürlich ist mir bewußt, daß eine unterschiedliche Einschätzung per se keine Korrelation mit dem zugrundeliegenden Beurteilungsschemata aufweist. Aber in einfacheren Systemen - wie zB. mit 5-Sternen - würden unterschiedliche Präferenzen mehr Spielraum bieten, zumal Wein nunmal sehr stark subjektiv und emotional geprägt ist (und alle Versuche ihn objektivierbar zu machen bisher nicht nur eher mäßigen erfolgreich verlaufen sind, sondern dem Thema auch den Großteil seiner Faszination raubt).
Zudem könnte ein grob gerastertes Beurteilungschema die Konsumenten eher dazu bewegen, die (hoffentlich vorhandene) verbale Beschreibung des Weins genauer zu interpretieren. Was dann aber wohl bei den "Punktesammlern & Etikettentrinkern" für Verstimmung sorgen würde.. .

Freitag, 31. Juli 2009

Cornellisson - Contadino 4

Frank Cornelissen, ehemaliger belgischer Weinhändler und seit einigen Jahren Weinbauer an den nördlichen Hängen des Ätna in Sizilien ist sicherlich kein Winzer im herkömmlichen Sinn.

Ein kleiner Auszug aus der Hompage (Our Estate) macht seine ungewöhnliche Produktphilosophie schnell klar:
"Our farming philosophy is based on our acceptance of the fact that man will never be able to understand nature's full complexity and interactions. We therefore choose to concentrate on observing and learning the movements of Mother Earth in her various energetic and cosmic passages and prefer to follow her indications as to what to do, instead of deciding ourselves. Consequently this has taken us to avoiding all possible interventions on the land we cultivate, including any treatments, whether chemical, organic, or biodynamic, as these are all a mere reflection of the inability of man to accept nature as she is and will be. The divine ability to understand the 'Whole' was obviously not given to man as we are only a part of this complex and not god himself. Though, evermore man pretends to be god, altering nature's delicate balance, for reasons of productivity, with all due consequences..."

Konsequenterweise bedeutet das für diese Naturwein alles abseits der modernen Önologie:
Niedrigste Erträge, extreme (Einzeltrauben)Selektion, Fermentierung und Ausbau nach alten Produktionstechniken mit in den Erdboden eingelassenen (400l-)Tonamphoren über mehrere Monate, ja teilweise Jahre, ohne Trennung der Stile und Rebschalen, Verzicht auf jede Schwefelung, unfiltrierte Abfüllung auf der Hefe.

Klar, daß eine solche Art der Weinbereitung natürlich auch für kontroversielle Beurteilung und Diskussion in den Foren (1, 2) sorgt.

Azienda Agricola Frank Cornelisson, Rosso di Contandino 4, 2006, Etna, Sizilien, ich habe den Wein ziemlich gekühlt getrunken, eigentlich mehr wie einen Rosé und das hat dem Wein sehr zum Vorteil gereicht - wird im übrigen auch von Frank Cornelisson empfohlen, da die Weine ja keine zugesetzte Stabilisierung beinhalten und somit Kühlung zur Haltbarkeit beiträgt. Trüb - weil unfiltriert - deutlich orange, ja hellbraune Färbung, die Aromatik für mich sehr schwer zu beschreiben, aber nicht unharmonisch oder unangenehm, eine schiere Fülle an Aromen, Assoziationen an Gummi, oxidative Noten, überreife Tomaten, vegetabile Aromatik, chemisch (Lösungsmittel), im leeren Glas bleiben Lakritze, Minze, aber auch medizinische Noten, sprengt einfach die "Norm des Gewohnten", mundfüllende Struktur, sowohl die Gerbstoffe als auch die Säure betreffend, im Rückgeschmack extrem nussige Aromen, welche mich an den Tavel Rosé 2004 von Eric Pfifferling.
Interessant und bemerkenswert fand ich auch trotz der vorhandenen 15% Vol. die fast schwebende Leichtigkeit des Weins! Eine Er-fahrung im wörtlichen Sinn.

Ich habe großen Respekt vor Personen, die in einen solch konsequenten Weise ihren Weg entlang ihrer persönlichen Erfahrung und Überzeugung gehen. Wenngleich ich auch nur den einfachsten Wein von Frank Cornelission verkostet habe - und ich diesen für mich nicht zum alltäglichen Genuß auswählen werde - zeigt es doch wiederum eine neue Facette in der unglaublich vielfältigen Art der Weinlandschaften. Alleine dafür lohnt es sich mit diesen "Grenzgängern" und ihren Ideen auseinanderzusetzen.

Mittwoch, 29. Juli 2009

Weinflaschen & Design pur

Via einem Blogbeitrag von Michael Liebert bin ich auf die Seite "THECOOLLIST" gestoßen, auf der wahrlich Ansprechendes zum Thema "Flaschengestaltung" zum Bestaunen und Schmunzeln gesammelt wird.

Ist das nicht eine Augenfreude?!
Also liebe Winzerinnen und Weinbauern - ab nun gibt es keine faulen Ausreden mehr für eure faden, mausgrauen und altertümlichen Eigenkreationen!

Zur Erinnerung - Weinetiketten waren auch das Thema zur 8. Weinrallye: Etikettentrinker!

Update 20090915:
Charles von Weincasting hat die Liste der sehenswerte Exemplare verlängert..

Montag, 27. Juli 2009

Charmante Fünfjährige mit netter Begleiterin (3)

Charmante fünfjährige Rote mit einer nette weißen Begleiterin - und was für eine!
Die Roten..
  • Uwe Schiefer, Blaufränkisch Szapary 2003, Südburgenland, noch erstaunlich jugendliche Farbe helles Violettrot, feinen Fruchtnase, Brombeere, unterlegt mit einer einer dunklen Würzigkeit, wirkt freundlich offen, fast charmant, immer noch mit einer forschen Säurestruktur unterlegt, frisch, lustig, sauer :-) - pas male! *(*)/***
  • Uwe Schiefer Blaufränkisch Szapary 2002, Südburgenland, Bordeauxrot, tiefwürzige Nase, Provencekräuter, Lavendel, mineralisch am Gaumen, ist offen und zugänglich, weich und gefällig, trotzdem mit Format, gute Balance zwischen den Gerbstoffen und der Säure, leicht feuriger Abgang, lange, jetzt am Höhepunkt, die (für mich) schwierige Stilistik ist einem feinen Trinkfluß gewichen, bravo, **/***
  • Domaine Tour du Bon, Saint Ferrèol Reserve 2004, Bandol, Provence, ja, das ist wieder einmal ein Vertreter dieser stillen, harmonischen, leicht "altmodischen" Vertreter von Spitzenweinen, eine angenehme Mischung aus den Rebsorten Grenache, Carignan und Cinsault, welche einem entspannt am Abend zwei Gute Gläser Rotwein als Abschluß eines gelungenen Tages genießen lassen, ohne Reue und mit dem Wissen, daß der Wein die nächsten Tage sich in genau der gleichen hervorragenden Qualität wie beim ersten Schluck präsentieren wird, dunkelwürzig, strömend, am Gaumen balanciert, mit eine leicht erdigen Unterton, herrlich reif wirkenden Gerbstoffen, herb und doch süß im Nachgeschmack, gezähmte 14.5% Vol. der südlichen Hitze, das ist entschleunigter Weingenuß abseits der täglichen Hektik, schluckweise Urlaubsflair des Südens im Minutentakt, **-**(*)/***
  • Weingut Markowitsch, Redmont 2004, Carnuntum, mit einer tiefdunklen Farbe, eine Frucht-Barrique-Bombe, zeigt sich ganz samtweich am Gaumen, streichelweich mit reifen Gerbstoffen, viel Würze im Glas, es ist nachvollziehbar, daß diese Stilistik viele Freunde gewinnen konnte, so schmeckt für mich ein gut gemachter(!) Wein aus Down-Under, den Robert Parker zum Abendesse wählt, aber was typisch Österreichisches kann ich in dieser Cuvée aus mehrheitlich Zweigelt, gepaart mit Anteilen von Blaufränkisch, Cabernet Sauvignon, Syrah und Merlot nicht entdecken, *(*)/***
  • Pilitteri Estates, Cabernet Franc 2002, Niagara, Ontario, Kanada, Rubingranat, warme, offene Nase, grüne Noten, paprizierend, zart pfeffrig, ein Sortenklassiker, im Mund gute Fülle zeigend, weich und harmonisch, dann kommt ein kräftiges Tannin und die Säure trägt den Wein angenehm in einen erstaunlich langen Abgang, für mich zeigt dieses Exemplar der noch jungen Winery (Gründungsjahr 1993 von einem ausgewanderten Sizilianer) eine gute Sortentypizität und erinnert mich an den einen oder anderen schönen Cabernet Franc aus dem Friaul, *(*)/***
..in Begleitung..
  • Weingut Neumeister, Roter Traminer Steintal 2003, Südoststeiermark, helles Strohgelb, intensive, wunderbar parfumierte Nase, Rosenaromatik, hell und glockenklar konturiert, druckvolle Mundfülle, gut balanciert mit einer sehr cremigen Textur, zur Nase korrespondierender Abgang, aus einem Guß, eine überaus jugendlich wirkender Sortenvertreter, der mit seiner tollen Stilistik einfach nur Spaß macht, **-**(*)/***

Donnerstag, 23. Juli 2009

Weinrallye #25 - Wein & Literatur

Wein und Literatur ist das vom Weingut Steffens-Keß ausgegebene Thema für die Viertel-Hundert-Weinrallye - ein feines Thema.

Literatur und Wein sind eine harmonische Kombination. Zur (nicht nur) abendlichen Lektüre paßt ein guter Tropfen ganz hervorragend. Dabei ist Wein nicht weiter wählerisch - er paßt zur Satire ebenso gut wie zur Belletristik, zu einem Krimi oder einem Sachbuch.
Unter diesem Aspekt kann auch das nunmehr bereits zum 10. Mal abgehaltene Literatur und Wein - das Niederösterreichische Kulturenfestival im Stift Göttweig gesehen werden.

Wir wollen die Rallye aber ein bißchen enger mit Wein in Verbindung bringen. Da wären zum einen die Weinkrimis von Paul Grote oder Andreas Wagner, einige davon fanden ja bereits in Form von Rezensionen Eingang in diversen Blogbeiträgen.
Und Frau Google bringt's außerdem schnell ans Tageslicht, daß es sogar eine eigene Domain für Wein, Literatur und Film gibt - auch wenn (spärlicher) Content nur bei Büchern vorhanden ist.

Bei den Filmen sind wohl Sideways und Modonvino die Klassiker und noch in guter Erinnerung. Ersterer versteht sich als Hommage an den Pinot Noir, zweiter als Abrechnung mit R. Parker, M. Rolland und Konsorten. Gemeinsam ist beiden, daß ich sie für nur mäßig gelungen halte.

Ganz anders verhält es sich da mit Alfred Komareks Krimireihe Polt. Eingebettet in die sanfte Hügeligkeit des niederösterreichischen Weinviertels (Pulkautal) löst der Gendarm Simon Polt vier (sehr authentische) Fälle auf seine eigene, durch und durch sympathische und ganz unspektakuläre Art.


Die Einsamkeit der Gegend, die charakterlichen Eigenarten der handelnden Personen, die Schlichtheit der Kellergassen - getragen durch die wundervolle Kameraführung und Musik von Haindling - macht die zeitweilige Tristesse des Landstrichs richtiggehend erfühlbar und bietet so einen einzigartigen Rahmen für großartige Schauspielleistung der namhaften Akteure. Bei solcher Melancholie kann ich gut verstehen, daß viele Einheimische oftmals einen über ihren Durst trinken.
Es ist aber auch eine Liebeserklärung / Hommage an Warmherzigkeit, an den gesunden Menschenverstand, an Tradition und an die Schönheit und Weite der Landschaft im Gewand der vier Jahreszeiten - jeder der vier Filme spielt zu einer unterschiedlichen. Und vor allem an die in dieser Gegend vorherrschenden Rebsorte, dem "Grünen" (Veltliner), vorzugsweise in der 2l-Flasche, dem Doppler.

Bildquellennachweis: www.filmstills.at

Schöner kann ein "Slow Food"-Film gar nicht sein. Klaro, daß zu einem solchen Werk es die Ehr' gebietet, nur Grünen Veltliner aus der unmittelbaren Region zu genießen - frei nach dem Motto Friedrichs "geh trink' ma wos".

Weingut Prechtl, Grüner Veltliner Leitstall 2007, Zellerndorf (zwischen Pulkau und Haugsdorf), Franz Prechtl, hat den Veltliner zu seiner Leitsorte erkoren, dies wird an der Vielzahl der GVs in seiner Produktpalette erkennbar, der Leitstall ist einer der beiden Premiumveltliner, aus einem über 30-jährigen Weingarten mit Molasse (fossilen Urmeerablagerungen), ausgebaut im Akazienholzfaß, Strohgelb im Glas, die Nase verhalten, etwas Apfel, wenig Exotik Richtung Mango, am Gaumen dann voller Zitrusaromatik, mit mittlerem Volumen, blitzsauber, weist eine lebendige, rassige Säurestruktur auf, kaum zu glauben, daß dieser Wein Restsüße hat, erst der Blick auf's Etikett offenbart die Kategorie halbtrocken, hat noch einiges Potential vorzuweisen, *(*)/***

Schloßweingut Graf Hardegg, Grüner Veltliner vom Schloß 2007, Seefeld-Kadolz, Weinviertel, ein Veltliner traditioneller Machart, das heißt nur teilweises Rebeln der Trauben, daß heißt Spontanvergärung, das heißt teilweise Gärung im großen Holzfaß, das heißt Ausbau auf der Feinhefe.. . Strohgelb, helle, zart süßliche Nase, nicht wirklich primärfruchtig - grüner Apfel angedeutet - und nicht mineralisch, am Gaumen von einer wundervollen Saftigkeit, einer der großen Unterschiede zwischen traditionellen und neuzeitlichen Stilistik ist die Durchgängigkeit des Weins, wirkt wie aus einem Guß, nicht Nase-Gaumen-Abgang, sondern ein harmonisches Ganzes mit toller Struktur, bietet was zum Beißen für die Zähne (jaaa!), feinste Gerbstoffen und lebendiger Säure hintennach! Einziger Wermutstropfen - am zweiten Tag läßt der Wein bereits ein wenig seiner inneren Spannung vermissen. Andererseits - überlebt ein Wein von solcher Machart normalerweise höchstens eine Stunde! **-**(*)/***

Unter dem Aspekt des annähernd gleichen Preisschilds von ca. €13 würde ich nochmals zum zum Veltliner von Hardegg greifen, auch wenn der Leitstall wohl zu jung in meinem Glas landete und ich ihm das größere Potential attestiere.

Als Abschluß halt ich's mit dem unvergessenen Hans Moser

"Ich muss im früh'ren Leben a Reblaus g'wesen sein,
sonst wär' die Sehnsucht nicht so gross nach einem Wein;
drum tu den Wein ich auch nicht trinken, sondern beissen,
und hab den Roten grad so gern als wie den Weissen. "

Das Lied zum Anhören &
der Text zum Nachlesen.

Mittwoch, 22. Juli 2009

Weinflaschengewichtsklassen..

..in Analogie der Gewichtsklassen beim Boxen! Meine Top 3 sind bisher folgende Wein(flaschen):

  • Bronze geht an den Waterford Chardonnay aus Südafrika, die Flasche mit 860g
  • Silber holt Christian Meuser mit einer Chardonnay Las Ribos-Flasche mit 920g
  • Unangefochtener Goldmedaillengewinner ist aber das Weingut Capaia mit der 1200g schweren Flasche des gleichnamigen Weines - wow!
2:1 für die Neue Welt! Bleibt nur noch zu fragen: "Wer bietet mehr?" Der Weltmeistertitel in der vinissimus-World-Champion-Weinflaschengewichtsklasse ist noch zu haben!

Wem jetzt sowas wie der ökologischer Fußabdruck respektive CO2-Ausstoß in den Sinn kommt, der kann ja mal hier oder hier nachlesen oder Dirk Würtz's Bag-In-Box-Video anschauen!

Post Scriptum: Die Recyclingquote bei Altglas liegt in Österreich ziemlich hoch, lt. AGR mit 80% weit über dem EU-Schnitt (wenngleich in den letzten Jahren auch leicht rückläufig), somit habe ich bei der Verwendung von (fetten) Weinflaschen noch kein schlechtes Gewissen, auch wenn alles über einem Verpackung-zu-Inhalt-Verhältnis von größer 1 völlig unangemessen erscheint.